Neujahrsgrüße
Ob nun das neue Jahr wie für die Äthiopier am elften September beginnt oder wie für die Perser am 21. März, oder wie bei uns am ersten Januar – überall auf der Welt feiern die Menschen das Neue Jahr.
So wie man sich zum Geburtstag das Vergehen der Zeit bewusst macht, so auch zu Beginn eines Neuen Jahres. Es ist eine Möglichkeit, Altes hinter sich zu lassen, bewusst abzuschließen und dadurch frei für Neues zu werden. Wie bei allen in einer Gesellschaft etablierten Ritualen, die lebendig geblieben sind, wird auch beim Versenden von Neujahrsgrüßen und Wünschen für das Kommende, die jeweilige Idee dahinter durch die Öffentlichkeit verstärkt. Es spielt dabei nicht so eine Rolle, wie groß diese Öffentlichkeit ist. Auch wenn man nur einem einzigen Freund einen Neujahrsgruß sendet, dieses Stückchen Öffentlichkeit bringt bereits eine größere Bewusstheit, sowohl für den Sendenden als auch für den Empfangenden. Natürlich erlischt gerade diese Bewusstheit, auch das wie bei jedem Ritual, wenn es zu einer leblosen, mechanischen Angelegenheit verkommen ist, die eben sein muss, weil es die Konventionen verlangen. Diese Art Neujahrsgrüße mag es auch geben, jedoch werden sie kaum in uns weiter wirken.
Von Herzen kommende Neujahrsgrüße aber werden in das Neue Jahr tatsächlich hineinwirken. Genau an den Schnittstellen ist ja oft das Besondere. An den Übergängen. Das Leben ist zwar in jedem Moment eine solche Schnittstelle, immerzu geht eins ins andere über, mit jedem Atemzug beginnt etwas Neues, aber das wird im Alltag kaum bewusst wahrgenommen. Da erlebt man einen Fluss der Zeit, immer geht es schon wieder weiter und oft geht alles viel zu schnell. Die besonderen Tage, die Feste mit ihrer Einzigartigkeit und ihren Ritualen wollen Anhalts-Punkte sein. Jetzt ist es möglich, den Anderen noch einmal anders wahrzunehmen oder überhaupt erst wieder, und oft sogar sich selber. Der Beginn des Neuen Jahres ist ein ganz besondere Tag, denn er verbindet uns alle. Es hat nicht einer Geburtstag und die andern feiern ihn mit, es ist nicht religiös eingebunden, nein – für alle fängt etwas noch ganz Reines, Unverdorbenes an. Es beginnt miteinander, darum die Neujahrsgrüße.
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