Gedichte zum Abschied
Ob Johann Wolfgang Goethe, Rainer Maria Rilke oder Ingeborg Bachmann, ob vor Jahrhunderten oder in unserer Zeit, immer beschäftigt den Dichter der Abschied.
Gedichte sind der Versuch, Momente festzuhalten. Es sind Augenblicksstimmungen, auch wenn Gedanken vieler Jahre und eine Summe von Erfahrungen eingeflossen sind – der Dichter schreibt das Gedicht jetzt. Indem er ein Gedicht schreibt, versucht er einen Anhalts-Punkt zu schaffen. Er versucht etwas Unmögliches mit jedem Gedicht.
Er weigert sich in geswisser Weise von diesem, diesem und schon wieder dem nächsten Augenblick Abschied zu nehmen. Er will in diesem einen kostbaren besonderen Moment bleiben. Er will in dieses eine Besondere einsinken. In den Fluß der Zeit wirft er ein Gedicht wie einen Kiesel, der einen Strudel bildet und sinkt. Er macht uns aufmerksam auf den einen Moment jetzt, wir verweilen mit ihm in seinem Gedicht. Wir folgen dem auf den Grund fallenden kleinen Stein. Wir nehmen dieses Jetzt wichtig wie er es wichtig genommen hat. Der Dichter verlangsamt uns und macht uns tiefer. Es ist im Gedicht selbst also Beides: ein Abschiednehmen von dem kostbaren Jetzmoment und die Weigerung Abschied zu nehmen, da er in Sprache festgehalten wird. Indem uns der Dichter in seinen einzigartigen Wortstrudel zieht, können wir den längst vergangenen Gedanken, die Stimmung, das Eine wiederholen.
Wir machen es aber durch unsere eigene Person gleichzeitig neu. Wir fügen unser Jetzt hinzu und so, wenn es ein gutes Gedicht ist, gelingt das Paradoxe – die Vergangenheit und unser Jetzt verschmelzen zu etwas Neuem ineinander. Es entsteht in diesem Moment, da wir ein gutes Gedicht lesen ein Drittes, das die Zeit aufhebt, denn wir werden es mitnehmen aus der Begegnung. Ein Gedicht kann uns verändern, es kann zumindest ein Bruchstück sein, aus dem sich ein Entschluss für die Zukunft in uns zusammensetzt. Gedichte zum Abschied sind also die Essenz der Essenz, haben sie doch das eben berührte Wesen jedes Gedichtes noch einmal in den Inhalt Abschiednehmen selbst eingeschmolzen.
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